Dienstag, 16. August 2016

Klassiker Weltreise - Station 12: Thornton

Agnes Grey



Vater unser, der du bist im Himmel geheiligt werde dein Name! Dein Reich komme, dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen! Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit, Amen!

Lieber Vater, ich weiß, dass wir uns in letzter Zeit nicht allzu viel unterhielten, verzeih mir dies! Die jungen Fräulein, für die ich arbeite, hielten mich sogar von meinem Kirchgang ab. Auch heute wieder… doch das weißt du ja. Du kannst es sehen… Verzeih mir, Gott. So spreche ich nun hier zu dir und hoffe, dass du mich dennoch erhören magst, auch wenn mir der Weg in die Kirche heute versperrt sein mag. Sonntag können die jungen Damen mich nicht abhalten. Doch ich kann nicht warten. Ich muss meine Seele erleichtern. O Gott! Ich brauche, nein ich erflehe deinen Beistand!

In allen wahren Geschichten steckt eine Lehre, in einigen mag der Schatz allerdings schwer zu finden sein, und hat man ihn denn gefunden, ist er mitunter so erbärmlich klein, dass der dürre, verhutzelte Kern die Mühe des Nussknackens kaum lohnt. Ob dies auch auf meine Geschichte und auf mein Leben zu trifft, vermag ich nur schwer zu beurteilen. Bisweilen denke ich, mein Leben könnte für den einen nützlich, und für wieder andere unterhaltsam sein, doch das magst du selbst beurteilen, mein Vater im Himmel.
Ich tat niemandem etwas Böses und dennoch musste ich schon sehr leiden in meinem jungen Leben. Versteh mich nicht falsch, ich mach es dir nicht zum Vorwurf, himmlischer Herr! O nein! Ich weiß sehr wohl, dass du mich prüfen wolltest und in deiner unendlichen Weisheit, meinen Weg vorherbestimmst. Ich bin dir auch sehr dankbar, denn trotz der schweren Stunden, gab es ein ums andere Mal auch erfreuliche, ja gar schöne Stunden, die ich verleben durfte.
Doch mich drückt nun mein Gewissen und ich möchte dir nicht verschweigen, dass der Grund hierfür vielmehr  die Wut auf mich selbst ist, als irgendetwas sonst.
Du erinnerst dich sicher noch an meine erste Stelle als Gouvernante. Die jungen Herrschaften waren schrecklich wild und grausam zu einigen deiner kleinen Geschöpfe. Ich hab sie wohl gescholten und ihnen verboten, den kleinen Vögelchen die Flügel auszureißen, doch genützt haben meine Worte nicht sonderlich viel. Ich bedaure sehr, nicht mehr getan zu haben. So wie ich bedaure, nicht in der Lage gewesen zu sein, die Kinder auf den rechten Weg zu führen. Doch kann es allein meine Schuld gewesen sein?
Doch noch mehr bedaure ich, deine Geschenke nicht angenommen zu haben. Die Gedanken, die Ideen, die du mir schicktest. O heiliger Vater, verzeih! Doch nie bekam ich neue Ideen oder Anregungen von außen, und die aus mir selbst kamen, wurden meist sogleich im Keim erstickt und dazu verdammt, dahinzusiechen und zu welken, das sie kein Licht zu sehen bekamen.
Bekanntlich hat unser täglicher Umgang großen Einfluss auf unseren Geist und unser Verhalten. Jene, deren Taten wir unablässig vor Augen haben, deren Worte uns ständig in den Ohren klingen, werden uns ganz selbstverständlich, sogar gegen unseren Willen – langsam, etappenweise, unmerklich vielleicht –, dazu bringen, zu handeln und zu sprechen wie sie. So verzeih mir Herr, dass ich zumindest in Teilen so schwach war, mich nicht vollends gegen diesen Einfluss wehren zu können.
Doch eines wollt ich mir bewahren! Niemals, nein, niemals wollt ich mein moralisches Handeln verlieren und niemals von meiner Tugend Abstand nehmen!
Und nun… o Gott… nun schickst du mir diesen Menschen… diesen Mann… Im Gehen warf er mir einen Blick zu, schenkte mir ein kleines Lächeln – nur einen Augenblick lang, doch die Bedeutung, die ich in meiner Phantasie in seine Geste hineinlegte, entzündete eine Flamme der Hoffnung in meinem Herzen, die heller brannte, als ich es je erlebt hatte! O Gott, gib mir doch ein Zeichen… ist er wirklich diese Hoffnung? Das Licht in meinen trüben Stunden? Oder schickst du mir nur eine weitere Prüfung auf meinem steinigen Wege?


Jetzt konntet ihr einen kleinen Einblick in das Wesen und die Gedanken der Agnes Grey bekommen. 
Anne Brontë hat einen interessanten Roman verfasst, der nicht nur eine herrlich romantische Ader besitzt, sondern auch ein zutiefst beeindruckendes Bild der Gesellschaft zeichnet. 
Ich kann absolut nicht nachvollziehen, dass so wenig Leute, dieses herausragende Werk kennen...



Autor: Anne Brontë
Preis: 9,90 €
Seitenanzahl: 320 
Übersetzer: Michaela Meßner
Verlag: dtv
Leseprobe: >> gibt es hier << 

Klappentext: 
Die Pfarrerstochter Agnes Grey lebt vollkommen abgeschieden mit ihren Eltern und ihrer Schwester in Nordengland. Als ihre Familie in finanzielle Not gerät, beschließt Agnes, als Gouvernante zu arbeiten. Ihr anfänglicher Enthusiasmus wird jedoch schnell getrübt. Ihre verzogenen Schützlinge wie auch deren reiche Eltern machen Agnes das Leben schwer. Als sie zarte Gefühle für den Hilfspfarrer Edward Weston entwickelt, stellt das Schicksal sie auf eine harte Probe…

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